An der Außenwand-Südseite des Chorraumes der Pfarrkirche zu Münnerstadt liegt eine historische Grabplatte eines Deutschherren-Ritters. Die Sage hat sich dieses Denkmals bemächtigt und in dem Stein eine Schere und einen Fuchsschwanz gesehen. Diese merkwürdigen Attribute auf dem Gedenkstein für einen Toten machen den Betrachter neugierig. Die Sage erzählt dazu:
In Münnerstadt lebte vor langen Zeiten ein Schneider, der wegen seines Fleißes, seiner Ehrlichkeit und Gottesfurcht sehr geachtet war. Das aber gefiel dem Satan nicht und er versuchte mit List und Tücke ihn auf die schiefe Bahn zu lenken. So sollte zum Beispiel der ehrsame Meister regelmäßig von dem Tuch seiner Kunden Stücke für sich verwenden; der Teufel wollte ihn sogar zum reichen Mann machen, wenn er sich auf die verfänglichen Possen des bösen Feindes einließe. Im Laufe der Zeit wurden die Besuche so häufig, dass der Schneidermeister den Plagegeist nur durch laute Gebete vertreiben konnte.
Als der Gute jedoch nicht mehr ein noch aus wusste, vertraute er seine Sorgen einem Meister der Geisterbeschwörung an. Dieser riet ihm, in einem günstigen Moment dem Teufel den Schwanz abzuschneiden, dann habe er sicher Ruhe.
Bald erschien der Beelzebub wieder in der Dachkammer des armen Meisters. Und in einem kurzen Augenblick, als der Fürst der Schatten gerade nach dem Kruzifix an der Wand greifen wollte, schnitt der Schneider ritsch-ratsch den buschigen Schwanz des Teufels mit einer scharfen Schere ab. Letzterer schrie fürchterlich, rannte zur Tür hinaus und ward nimmer mehr gesehen. Der Schneidermeister aber hatte von nun an seine Ruhe.
Einen Nachteil aber hatte die mutige Tat des Meisters dennoch: Seit jener Zeit schleicht der Satan ohne Schwanz unter den Leuten umher und ist kaum mehr zu erkennen. Daher kommt es sogar, dass viele Leute sagen, es gäbe gar keinen Teufel mehr und man kann sich vor ihm weit weniger hüten als früher, wo man ihn sofort an seinem stattlichen Schwanz erkennen konnte.
Quelle
Josef Lisiecki: Der Schneider und der Teufel | entnommen aus: Landkreis Bad Kissingen (Hrsg.): Sagen und Legenden aus dem Landkreis Bad Kissingen, 1982, S. 152 ff. | Nachdruck nur mit Quellangabe gestattet
Josef Lisiecki verweist im o.g. Sagenband zur Herkunft der Sage auf folgende Informationen und Quellen:
- Die Sagen des Rhöngebirges und des Grabfeldes, S. 244,
- „Die scharfe Schere“ auch bei Geschichten und Sagen des Kissinger Raumes, S. 69 und 70.
Ungefährer Ort der Sage
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